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Der Nizzabericht – ein Semester an der Sophia Antipolis in Nice

Ein Semester im Ausland zu verbringen ist sicher ein guter Weg, um mal „über den Tellerrand“ zu schauen, doch währenddessen die Zähne einer anderen Bevölkerung beurteilen und behandeln zu dürfen ist bestimmt im wahrsten Sinne des Wortes DIE Chance einer anderen Kultur wirklich nah zu kommen. Um diese Möglichkeit umzusetzen, ist eine Anmeldung in Nizza an der Universität notwendig, dabei sind der Local Exchange Officer und das Akademische Auslandsamt in Greifswald tatkräftige Unterstützer und ebnen die Wege in das ERASMUS Semester.

Schilder

Ende August 2009 setzte ich meine viel zu warmen Schuhe nach knapp einstündigem Flug und der bitteren Erfahrung 17kg Übergepäck am Berliner Flughafen zurücklassen zu müssen auf südfranzösischen Boden – Wie es sich für die Stadt Yves Kleins gehört, war der Himmel in sein so oft kopiertes Blau getaucht und die Sonne ließ das Thermometer tagelang bei 30°C stehen. Da mir im Vorfeld eine Absage des CROUS– dem französischen Studentenwerk, das unter anderem auch bei der Wohnungssuche behilflich ist- für ein Zimmer im Studentenwohnheim zugeschickt wurde, beschloss ich „vor Ort“ auf Wohnungssuche zu gehen. Die ersten fünf Tage nahm mich ein französisches Pärchen bei sich auf, das mich und andere couchsurfer gleich am ersten Abend mit ins Lichtermeer Monacos in ein Freiluftkino (französisch mit englischem Untertitel) ausführte…und mich bei der die nächsten Tage bestimmenden WG-Suche tatkräftig unterstützte. Bei einem Blick auf den Stadtplan wurde schnell klar, dass es logistisch günstig wäre, ungefähr in der Mitte der zwei wichtigen Orte zu wohnen, der Université St. Jean d’Angely, wo die Vorlesungen (les cours) stattfinden und dem Hôpital St. Roch, in dem Patienten behandelt werden. Leider sind die Mietpreise in Nizza ein wenig höher im Vergleich zu Greifswald, doch hat jeder Student in Frankreich Anspruch auf eine finanzielle Unterstützung, die bei der CAF (=Caisse Allocation Famille) unbedingt beantragt werden sollte.

Hafen von Nizza

Drei Tage vor Semesterbeginn fuhr ich mit der Tram 1, der noch einzigen Straßenbahnlinie der Stadt und daher großer Stolz der Nizzaner, direkt zur Station St. Angély zum Departement d’Odontologie. Ohne Ticket fahren, wäre bei den häufigen Kontrollen compliqué, zumal es auch praktische aufladbare Tickets mit Studentenrabatt gibt, die jedoch MINDESTENS einen langen Nachmittag Schlange stehen, Formular ausfüllen, Passphoto abgeben, bedingen, bevor man dann in ganz Nizza und Umgebung im Monat für ca. 20 Euro fahren kann…In dem architektonisch ansprechenden Neubau des Pôle Universitaire St. Jean Angely wurde ich von Dr. Medioni, dem Erasmusstudentenkoordinator und Endodontologiespezialisten, sehr herzlich empfangen und mit dem Stundenplan der nächsten 6 Wochen vertraut gemacht.

Käsestand

Am 7. September 2009 saß ich dann inmitten meiner neuen „promo“ (promotion=Semester) und hörte die erste Vorlesung auf französisch bei M. Medioni selbst über maschinelle Aufbereitung von Wurzelkanälen. Ich wurde einer Studentin aus dem 5ième année DCE03, also 5. Studienjahr zugeteilt, die ab sofort mit mir das „binôme 19“ – so wurde die Stuhlpartnerschaft genannt – bildete. Christelle und ich behandelten die nächsten Monate gemeinsam am Dienstag, Mittwoch und Freitag vormittags und nachmittags Patienten im Hôpital St. Roch. So hatten wir montags und donnerstags Vorlesungen (des cours – nicht zu verwechseln mit unseren KURSEN, die ja BEHANDLUNG bedeuten) in odontologie, pédiatrie (Kinderzahnheilkunde), O.C.E. (Kons und Endodontie), ODF (KFO), implantologie und parodontologie. In der Parodontologie wurden einmal im Monat „TP“ – des travaux practiques angeboten, also Kurse, in denen an Phantomköpfen und Zahnfleischmasken Nahttechniken geübt wurden.

Antibes

Nach der ersten Vorlesung also fuhr ich mit meiner neuen Stuhlpartnerin zurück ins Viertel ST.ROCH nahe der Vieille Ville, um am Acceuil, dem Patientenempfang im Hopital St. Roch beim freundlichen Patrice die „liste d’attente“ die Patientenwarteliste zu kopieren. Auf dieser Liste stehen Patienten, die sich gern im Studentenkurs behandeln lassen wollen und freudig Anrufe der Zahnmedizinstudenten entgegennahmen. Wir setzten uns in ein Café und telephonierten so lang, bis jeder genügend potentielle Patienten einbestellt hatte, um in der nächsten Woche ausreichend behandeln zu können. Die Behandlung ist der in Greifswald ähnlich – man arbeitet zu zweit an einem Stuhl und wird von Assistenten beaufsichtigt. Leider sind kaum Materialien „am Stuhl“, somit muss vorher in der Materialausgabe alles aufgezählt, notiert und herangetragen werden, was zur Behandlung notwendig ist. Als vorteilhaft empfand ich ein digitales Röntgengerät direkt in jeder Behandlungsbox. Doch auch analoges Röntgen wurde durchgeführt, was natürlich eine längere Entwicklungszeit und wieder Zeitverlust bedeutete. Interessant war der wöchentliche Schmerzdienst, „urgences“- hier wurden akute Zahnschmerzen behandelt und die meisten Zähne gezogen. (Jeder französische Zahnmedizinstudent hat 30 Zähne pro Semester zu ziehen!)

Schilder

Natürlich bietet Nizza wohlgemerkt an der Côte d’Azur – der immerblauen Küste gelegen - viel, um die Zeit nach der Uni mit der Seele guttuenden Aktivitäten anzufüllen. Der Kulturdurstige kommt auf seine Kosten und jedes der Museen ist sehenswert, ob Chagall, Matisse oder die wechselnden Ausstellungen im Museum für Moderne Kunst (MAMAC), Musée des Beaux Arts oder den vielen Galerien. Auch die Nähe zu Cannes ist zu spüren – die cinémathèque, ein Programmkino, zeigt vornehmlich Filmklassiker in schwarz-weiß. Nizza ist bekannt für sein Jazzfestival im Sommer, doch auch im Herbst kann man fast jeden Abend Livemusik in den Straßen und Cafés der Altstadt hören. Hat man die kleinen ocker- und terracottafarbenen Straßen der Vieille Ville genügend durchstreift, bietet das Umland reizvolle Ausflugsziele. Sehenswerte Orte reihen sich an der blauen Küste aneinander: Cannes, Monaco, St.Tropez, Marseille. Wem das zu glitzerig ist – kühlt sich am Besten in Ezes botanischem Garten, dem Park der Villa Rothschild nahe Villefranche-sur-Mer oder in den Gassen der beschaulichen Zitronenstadt Menton ab. Gerade aber ein Ausflug in die kleineren Bergdörfer mit teilweise erhaltenen Bauten aus dem Mittelalter, die in den Ausläufern der Alpen liegen, ist empfehlenswert. Der große Parc National Mercantour grenzt an die italienische Grenze – und bietet vielen „outdoor“-Sportlern Möglichkeit sich ordentlich auszutoben. So auch ging es mir in den ersten Wochen, als die Verständigung auf französisch – besonders am Telephon nicht ausreichend war, um eine „Canyoning“ von einer „canoeing“ – Tour zu unterscheiden und eine Gruppe Franzosen nahm mich mit auf Klettertour in einen Canyon, bei der ich mich bis kurz vor dem Einstieg in den Fluss wunderte, warum wir keine „canoes“ ausgeliehen hatten… Natürlich kann man die Natur auch einfach auf Wandertouren, Segelturns oder mit dem Fahrrad (velo bleu!) erkunden. In Nizza ist die „Promenade des Anglais“ der rote Weg Greifswalds - eine wundervolle Laufstrecke entlang des Meeres – Jogger und Fahrradfahrer treffen sich! Um sich von so viel Aktivität und körperlicher Verausgabung wieder zu erholen, sollten die kulinarischen Genüsse Südfrankreichs unbedingt erprobt werden: erstaunlicherweise sind die recht olivenölhaltigen Speisen, wie pissaladière (ein Zwiebelkuchen mit Fisch und schwarzen Oliven), socca (dick gebackener Kichererbsenteig) und farcis (gefüllte Paprika, Aubergine, Fenchel) Nationalgerichte. Wer sich selbst an den Herd wagt sollte sich mutig freitags in den CARREFOUR begeben und ein gutes Kilo frische Miesmuscheln kaufen und nach Art der Franzosen „moules marinières“ zubereiten… Immer hatte ich das Gefühl, dass die Stadt am Freitag auflebte – auf den Straßen war Stau, in den Supermärkten lange Kassenschlangen und die Tram so überladen, dass die Türen nicht mehr schlossen, doch auch das ist südfranzösisch…keiner beschwert sich wirklich über Wartezeiten oder Engpässe. Sehens- und vor allem erlebenswert sind alle Märkte, ob nun in Aix-en-Provence der marché broquante, ein Trödelmarkt, auf dem es von alten Postkarten über Stoffe bis zu vergilbten Büchern alles gibt, oder der wöchentliche Blumen-, Fisch- und Obstmarkt auf dem Cours Saleya in Nice. Immer sollte man dem Ruf der marchands folgen und sich überreden lassen diesen Käse oder jenes Stück eingelegten Knoblauch zu probieren – selten wird der Gaumen enttäuscht. Typisch regional ist im Oktober das fête de la châtaigne – das Fest der Esskastanien, die geröstet zwar besser riechen als schmecken aber eine Erfahrung wert sind. Viel spielt sich unter freiem Himmel, draußen auf den Straßen ab, bedingt durch das immergute Wetter, es regnete zusammengezählt fünfmal in den vier Monaten, die ich in Nizza verbrachte. Sogar im Dezember saßen wir ohne Mantel in der Mittagspause draußen in der Sonne, um für den zweiten Teil des Behandlungstages aufzutanken.


Nicht nur das Blau, die Sonne und die Begegnungen mit anderen Kulturen, besonders die Möglichkeit fachlich Einsicht in andere Methoden und Behandlungsbedingungen zu bekommen, sollte Anreiz sein ein Semester im (südfranzösischen) Ausland zu verbringen.



letzte Änderung
01.03.2012