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Auslandssemester in Helsinki
Auslandssemester von September bis Dezember 2004

Teil 1 | Teil 2

Viele Grüße und Hyvö Pöivö (= Guten Tag) aus dem Land der tausend Seen wo ich mittlerweile seit 12 Wochen studiere. Bevor ich beginne möchte ich nur sagen, das ich hier in Finnland so viele nette und interessante Menschen getroffen, aber auch Erfahrungen gemacht habe, die ich nie in meinem Leben vergessen werde und ich kann wirklich nur jedem ans Herz legen die Möglichkeit eines Austausches zu nutzen!

Als ich Anfang September mit dem Flugzeug in Helsinki/Vantaa ankam, war ich einer von 800 neuen Austauschstudenten, die sich für das Herbstsemester eingeschrieben hatten. Die Universität Helsinki hatte für alle Neuankömmlinge einen Pick-up Service organisiert und so wurde ich mit all meinem Gepäck vom Flughafen abgeholt und zu meiner neuen 8qm Wohnung gefahren. Mein kleines Zimmer war mit allem ausgestattet was das Studentenherz begehrt, dazu gehört ein Kühlschrank, eine Mikrowelle, Internetstandleitung und ein 1,80m großes Bett für mich (ich bin 1,94m!!!). In der ersten Woche gab es eine Einführung für alle neuen Studenten, in der man alle überlebenswichtigen Dinge erfahren hat, z.B. wie man ein Konto eröffnet oder wo man die Travelcard für den öffentlichen Nahverkehr bekommt. Die ESN (= Erasmus student network) organisierte von Anfang an auch viele Fahrten wie z.B. zur Fazer Chocolate Factory, Dampferfahrt vor Helsinki, Stockholm, St.  Petersburg etc., so das man sehr schnell neue Freunde aus allen Teilen der Welt fand und sich wirklich immer gut betreut fühlte. Helsinki an sich ist eine für finnische Verhältnisse sehr große Stadt (500000 Ew.), die im Süden des Landes direkt an der Ostsee liegt. Aufgrund des geschichtlichen Hintergrundes werden hier zwei Sprachen gesprochen, und zwar sowohl Finnisch als auch Schwedisch. Für mich war es dadurch in den ersten Wochen wesentlich leichter im Supermarkt die Überlebenswichtigen Dinge zusammen zu sammeln. So bedeutet z.B. mehu= Saft, senappi= Senf, maito=Milch und olut=Bier. Man sagt hier, dass der Finne ein eher ruhiger Zeitgenosse ist, der vor allem Fremden gegenüber sehr kühl wirkt, was ich bestätigen kann aber sobald man mit ihnen in die finnische Sauna geht (90Grad und mehr!) tauen sie förmlich auf und hören nicht mehr auf zu erzählen! In den ersten Wochen habe ich so viele Menschen getroffen wie nie zuvor und am schwierigsten war es alle Namen zu behalten und  sie vor allem richtig auszusprechen. Die finnische Sprache besitzt 15 Fälle und hat leider in keinerlei Hinsicht Verwandtschaft mit dem Deutschen. Aus diesem Grund hatte ich mich hier für ein Tandemprogramm beworben, in dem man sich mit einem Finnen trifft, der gerne Deutsch lernen möchte und mir im Gegenzug Finnisch beibringt. Das find ich eine super Idee obwohl ich zugeben muss, dass mein Tandempartner dabei die besseren Karten hatte. Nach einer Woche habe ich dann auch die anderen 6 Zahnis kennen gelernt, die aus England, Frankreich und Ungarn kommen. Wir haben uns auf Anhieb prima verstanden und uns am ersten gemeinsamen Abend mit unserer Tutorin Mia in der ICEBAR (Innentemperatur - 5 Grad) getroffen, wo wir sie dann erst einmal mit tausend Fragen gelöchert haben! In den darauf folgenden Tagen haben wir zusammen Helsinki erkundet und Mia hat uns schon mal die unterschiedlichen Kliniken gezeigt, wo wir Praktika bzw. Vorlesungen haben werden. Als  Mia uns dann die Zahnklinik zeigte, wurden wir erst einmal allen Professoren und Ärzten vorgestellt, die alle sehr freundlich und hilfsbereit waren und uns mehrmals zu Kaffee und Kuchen eingeladen haben. Man hatte uns anfangs auch gleich das "Du" angeboten, was in Finnland völlig normal ist aber für mich zuerst schon ungewohnt war. Die Zahnklinik ist um einiges größer als unsere in Greifswald und besteht aus drei Gebäudekomplexen mit bis zu 6 Stockwerken. Außer den zahnmedizinischen Fachrichtungen befindet sich auch eine eigene Mensa, das Institut für forensische Medizin und ein Optikerfachgeschäft im Eingangsbereich der Zahnklinik. Bevor wir allerdings Patienten behandeln durften, mussten wir einen dreiwöchigen Phantomkurs absolvieren, in dem ich unter anderem neben 7 Wurzelkanalfüllungen auch zwei Amalgamkronen und Slots präpariert habe. Es gibt hier zwei große Phantomkursräume, die mit super viel Technik ausgerüstet sind wie z.B. Mikroskopen, digitales und konventionelles Röntgen, 3 Beamer und PC's. Nachdem wir den Phantomkurs gemeistert hatten, bekamen wir eine Einweisung ins EFFICA-Computersystem, was für uns anfangs eine echte HÜrde darstellte, weil es kompliziert und komplett auf finnisch war. Aber Schwester Sara hat uns alles mit ihrer finnischer Gelassenheit erklärt und jetzt finde ich es wunderbar! EFFICA enthält alle Patientendaten der Klinik wie Röntgenberichte, Anamnese, Befund etc. und dadurch hat man nicht mehr mit unzähligen Blättern zu kämpfen. So werden z.B. alle Röntgenbilder in der Röntgenabteilung ausgewertet und anschließend ein Bericht ins EFFICA-Netz gesetzt, den man dann in seiner eigenen Box abrufen kann...find ich klasse! Alle Studenten behandeln ihre Patienten hier in kleinen Boxen, die immer mit einem Computer ausgerüstet sind und auch sonst von der Lichthärtepistole Über Bohrern bis hin zur Lichtbox alles enthalten. In den ersten Wochen haben wir eine "Wunschliste" fertig gemacht für die Arbeiten, die wir hier gerne machen möchten. Man hatte uns aber gleich gesagt, dass es sehr schlecht mit prothetischen Arbeiten aussieht. Alle Studenten behandeln in der Regel alleine, aber die Schwestern helfen gerne und auch Jouko war immer da, wenn man ihn brauchte. Wir können hier Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 8:00-13:00 behandeln. Montags und Freitags haben wir dann entweder Praktika oder Seminare, in denen wir bestimmte Fallbeispiele besprechen, nach dem Prinzip des problemorientierten Lernens. Ich hatte auch einige Vorlesungen besucht, die komplett auf finnisch waren, jedoch war das zwecklos denn außer den Bildern hat man wirklich nicht viel verstanden. Als die Patientenbehandlung endlich begann, hatte ich anfangs oft die Erfahrung gemacht, dass man finnsche Namen mehrmals und unterschiedlich betonen muss, bevor sich irgendjemand im Wartezimmer angesprochen fühlte. Wenn man ihn dann aber doch endlich gefunden hat, ging es anschließend immer in einen extra Befundungsraum, wo man Patienten aufnimmt, die neu an der Zahnklinik sind. Ich habe schnell festgestellt das man in Finnland sehr viel Wert auf Prophylaxe legt, mit dem Ergebnis das meine ersten Patienten alle kariesfrei waren. Tja, da kann man nix machen! Ich hatte hier aber auch schon Patienten, die weder Finnisch noch Englisch gesprochen haben und so musste ich schon des Öfteren einen Dolmetscher zur Hilfe ziehen. Toll fand ich, dass es fÜr die Studenten eine Art Clubraum mit Playstation, Massagegerät  und Internet gibt, wo man sich die Zeit vertreiben kann, wenn mal ein Patient nicht kommt, was allerdings relativ selten vorkommt, da die Patienten dann eine Strafgebühr von 20Euro zahlen müssen. Bezüglich KfO habe ich mich in den ersten Wochen gleich gekümmert, dass ich hier was machen kann und war froh das es geklappt hat. So haben wir alle 2 Wochen Mittwochs KfO-Patienten, bei denen ich schon Bänder zementiert habe und Zähne extrahieren musste. Von Terhi (Kieferorthopädin) habe ich auch einen Patienten bekommen, den ich befunden und für den ich einen Behandlungsplan erstellen musste. Neben Modell-, OPG- und FRS-Analysen habe ich auch ein Video von meinem Patienten gedreht, was man hier immer in der KfO macht.  Außerdem hat man uns einen Kurs in Parodontologie angeboten, wo wir nicht nur theoretisch sondern auch praktisch Gingivektomie und Lappen-OP'S an Schweinekiefern durchführen konnten. Wir hatten spezielle Instrumentensets bekommen und wurden erstklassig betreut, da wir nur 7 Austauschstudenten waren. Nicht zu vergessen ist die MKG, in der ich unter Prof. Lindquist bei einigen Weisheitszahnextraktionen und Mittelgesichtsfrakturen assistieren konnte. Anders als bei uns müssen die finnischen Studenten, die wie wir auch 5 Jahre studieren, jede Woche den Schmerzdienst übernehmen, wo man gute Erfahrungen sammeln kann und wodurch ich auch schon zwei Endo-Patienten bekommen habe. Insgesamt wusste ich durch Susi, die letztes Jahr hier war, schon was mich ungefähr in der Klinik erwarten würde und ich stimme mit ihr voll Überein, daß das Arbeiten hier sehr angenehm und die Betreuung exzellent ist!

Außerhalb der Uni bietet Helsinki ein reichhaltiges Angebot an kulturellen und sportlichen Aktivitäten! So spiele ich regelmäßig mit meinem finnischen Kumpel Pepe in seinem Team Sälibandi (skandinavische Variante des Unihocks) , und zwar in einem alten Bunker der 30m unter der Erde ist, und seit zwei Wochen auch Eishockey was mir super viel Spaß macht. Da wir hier seit 2 Wochen durchschnittlich -8Grad und viel Schnee haben, hat man in den Parks Überall Eishockeyringe aufgebaut, wo man umsonst spielen kann. Eishockey in Finnland ist vergleichbar mit Fußball in Deutschland und wenn Schweden gegen Finnland spielt, herrscht in Finnland Ausnahmezustand! Überhaupt ist der Winterzeit hier traumhaft und ich hatte sogar schon das Glück Polarlichter zu sehen was echt beeindruckend war. In zwei Wochen fahr ich dann auch endlich mit Freunden in die Polarregion worauf ich mich schon sehr freue, denn man hat uns von allen Seiten wärmstens empfohlen den  Winter dort zu erleben und wann hat man sonst schon mal die Möglichkeit persönlich mit dem richtigen Weihnachtsmann zu sprechen!?

Ich könnte noch viel mehr erzählen aber dafür reicht die Zeit einfach nicht. Ich hoffe allerdings, dass ihr  jetzt schon einen groben Überblick habt, was es bedeutet in Finnland zu studieren und falls ihr mehr wissen möchtet, könnt ihr mich gerne ab Januar löchern!

Nähdään Greifswaldissa!

Christian


Helsinki im Schnee



Blick über die Inselwelt vor Helsinki



Terhi, Helena und ich mit Patient



Die Zahnklinik



letzte Änderung
01.03.2012