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Auslandssemester in Helsinki
Auslandssemester von September bis Dezember 2003

Teil 1 | Teil 2

Die Zahnklinik
Unsere Tutorin Mia empfing uns im Eingangsbereich der (im Vergleich zu Greifswald) großen Zahnklinik. Wir waren sehr gespannt und in einer kleinen Diashow über die Klinik erfuhren wir, dass die Universitätsklinik im gleichen Gebäudekomplex ist wie die städtische Zahnklinik, dass es eine eigene Bibliothek und ein eigenes kleines Unicafe direkt vor Ort gibt.
In einem persönlichen Gespräch mit zwei Doktoren, konnten wir ganz genau äußern was wir gern in der Klinik machen wollten. Zu meiner Freude war es ohne weiteres möglich Kons, KFO und Paro zu machen. Bei der Prothetik wurde uns gleich gesagt, dass es schwer werden könnte, Patienten zu bekommen.
Aber bevor es richtig losging, mussten wir 2 Wochen in den Phantomraum, der unserem hier in Greifswald sehr ähnlich ist. Unsere Aufgabe war es ein paar Composite- und Amalgamkavitäten zu präparieren, eine Amalgamkrone, eine Teilkrone, eine Krone am Molaren und eine am Frontzahn. Des Weiteren haben wir an einem extrahierten Molar die Wurzelkanäle aufbereitet, gefüllt und an zwei Kiefern deep scaling geübt. Unsere Arbeiten wurden von den klinischen Kursbetreuern begutachtet. Ich hab mich sehr gefreut, dass meine Amalgamfüllung, bei deren okklusaler Gestaltung ich mir so viel Mühe gegeben hatte, auf Anerkennung stieß und die Kursbetreuer sagten, man sähe, dass drauf bei uns großer Wert gelegt werde.
Aber wer denkt, dass wir jetzt reif für die Klinik gewesen wären, hat weit gefehlt:
In dieser, von der Ausstattung und allem der Greifswalder Klinik doch sehr ähnlichen, Klinik wurde anstatt unserer guten alten Karteikarten ein modernes Computersystem benutzt. Wunderbar, dachten wir, mit Computern konnten wir alle mehr oder weniger umgehen, aber was wir mit Schrecken feststellen mussten, war, dass das gesamte System auf finnisch war!!!
Finnisch kommt ja bekanntlich aus derselben Sprachfamilie wie Ungarisch, aber das hat auch nix geholfen. Also verging eine weitere Woche damit, dass wir versuchten uns wenigstens Wörter wie "kyllä" (ok) und "hammas" (zahn) zu merken. Und ich dachte als kleine Dreingabe für meine späteren Patienten lern ich auch noch :"Hyvä huomenta" (Guten Morgen).

Dann kam endlich der große Tag mit den ersten Patienten:
In Helsinki kommen alle Patienten, wenn sie nicht direkt von Studenten mitgebracht werden, zur klinischen Erstuntersuchung, die immer von zwei anderen Studenten in einem Extrazimmer durchgeführt werden. Je nach Notwendigkeit werden die vollständigen Unterlagen (ausgedruckt), dann dem entsprechenden Kursassistenten (z.B. dem Prothetiker wenn eine Prothese gemacht werden soll) gegeben, der sie dann an die Studenten verteilt, die die entsprechende Sache noch machen müssen.
Unsere ersten Patienten bekamen wir also direkt von den Erstuntersuchungen, später dann von den Kursassistenten.
 -> Tipp für spätere Austauschstudenten: baldmöglichst  nach Patienten fragen , vor allem Prothetik!!

Wir "international students" durften im Nordflügel im dritten Stock behandeln. Es gab kleine Boxen in denen gearbeitet wurde, Bohrer wurden gestellt und meistens arbeitete man allein oder eventuell mit einem anderen Austauschstudenten. Die Schwestern waren "für alle da", d.h. wenn man Amalgam brauchte oder so, dann halfen sie gern. Wir arbeiteten dreimal die Woche von 7.30 Uhr bis ca.14 / 15 Uhr. Die Patienten sprachen meist Englisch und waren wirklich freundlich.
Dr. Suhonen,oder Jouku (in Finnland duzen sich Doktoren und Studenten grundsätzlich), betreute uns sehr gut, nahm sich für jeden Zeit, half, erklärte, übersetzte falls nötig und motivierte uns unermüdlich.
Vor allem die Motivation und die positive Grundstimmung machten das Arbeiten dort zu einer echten Freude.
Vielleicht würde ich anders denken, wenn ich als Finnin dort studieren würde und "Punkte sammeln" müsste. Ich glaube es aber nicht, denn meine finnischen Mitstudenten waren alle sehr freundlich und wenn wir uns zwischen zwei Patienten im gemütlichen Studentenraum (Computer! Kaffeemaschine! Sofa! Kühlschrank! Playstation!) trafen, wurde viel gelacht und es war schön, wie natürlich wir aufgenommen wurden - auch auf den vielen Feiern der Zahnmedizinstudenten.

Die Finnen insgesamt sind sehr freundlich und zuvorkommend. Zwar ist es schon ein größerer Sprung zwischen Freundlichkeit und Freundschaft, aber ich muss sagen, dass ich auch einige coole Freundschaften mit "echten Finnen" geschlossen habe.

Dienstagnachmittags bekamen wir ein paar Kopien von Dr. Suhonen. Jede Woche zu einem anderen Thema wie z.B.: Bestimmung und Bedeutung der Kariesaktivität, Fibrome, Zusammenhang zwischen Parodontitis und kardiovaskulärer Plaque oder Bleichen/Ästhetik.
Wir hatten bis Donnerstag Zeit uns in der Bibliothek oder dem Internet (Medlinezugang!) damit zu beschäftigen und dann besprachen wir das Thema.
Das entspricht dem finnischen Lernkonzept vom "problem based learning".

Wir durften auch an ein paar  Endovorlesungen teilnehmen, aber das war nicht so effektiv, weil sie auf Finnisch waren. Aber die Bilder waren gut!
Was toll war, war das Paroseminar. Am ersten Tag hörten wir viel über die Theorie und am zweiten Tag durften wir dann "live" am Schweinekiefer Gingivektomie und Lappen-OP üben. Jeder bekam ein Instrumenten-Set und einen Kiefer und da wir ja nur 6 Austauschstudenten waren war die Betreuung exzellent!
Es wurde auch extra für uns eine Vorlesung in forensischer Medizin organisiert, die von der Rechtsmedizinerin gehalten, die über Verbrechen von Milosewicz in Den Haag ausgesagt hatte. Sie hielt diese Vorlesung mit all dem Beweismaterial und den Untersuchungsmaterialien aus dem bedeutenden Gerichtsprozess und wir waren fasziniert!
Was nicht fehlen darf, ist natürlich die Chirurgie! Immer wenn ich keinen Patienten hatte, schaute ich auf der (städtischen) Poliklinik vorbei, wo ein sehr netter Chirurg mich bei operativen Weisheitszahnextraktionen zusehen ließ .Ich durfte nicht assistieren, weil es die städtische und nicht die Uni-Poliklinik war (aber im selben Stock).
Einmal durften wir auch mit auf die MKG- Chirurgie. Es war schwer einen Platz zu bekommen, deshalb war es nur einmal möglich, aber hier durfte ich bei der Entfernung einer Miniplatte assistieren. Im Saal nebenan wurde nachher eine Hernie verschlossen, danach eine einzelne Niere auf Transplantationsfähigkeit geprüft und überall wurde ich als Zuschauer freundlich aufgenommen.
Last but not least freue ich mich, sagen zu können, dass ich sehr viel in der Kieferorthopädie gelernt habe. Zusammen mit Rein, dem Austauschstudenten aus Estland, bekam ich einen Patienten, bei dem wir Befund, OPG- und FRS-Analysen, Modellanalyse und Planung machen durften. Anstelle von Fotostataufnahmen wird ein Video vom Patienten gedreht.
Es gibt bestimmte "Fallvorstellungszeiten" mit der Professorin für Kieferorthopädie. Diese war, genau wie Dr. Suhonen, früher einmal in der Schweiz gewesen und so konnte ich meinen Vortrag  teilweise auf Deutsch halten.
Die kieferorthopädische Assistenzärztin war sehr anspruchsvoll, aber genauso hilfsbereit. Sie sagte, ich solle den "Profitt" (KFO-Buch) lesen und sonst sie fragen. So und mit der geduldigen Hilfe einiger finnischer Studenten, die auch am Lichtkasten saßen, wurde das mit den Analysen ganz gut.
Es werden jeden Tag Studenten eingeteilt, die sich mit um die KFO-Patienten kümmern (Studenten im letzten Studienjahr). Auch ich durfte einmal Bänder zementieren und sonst bei der Behandlung zuschauen.
Sehr erfreulich war die Tatsache, dass mir der Fall, den ich mir so mühsam erarbeitet habe, in Greifswald anerkannt wurde.

Schluss :
Ich könnte noch viel erzählen, aber ich habe, glaube ich, das wichtigste über die Uni gesagt.
Was jetzt kommen würde wäre der Bericht über das Leben außerhalb der Uni. Wir Austauschstudenten haben so viel gefeiert und unternommen...
Die Inseln vor Helsinki sind wunderschön im Spätsommer, Tallin nur eine Bootsstunde entfernt...
Die Fahrt nach Stockholm auf diesem Riesenschiff voller gutgelaunter Studenten und Stockholm selbst waren phantastisch...
Moskau und St. Petersburg im Dezember sind unvergessliche Erlebnisse...
Und Snowboarden an Weihnachten, im tief verschneiten Lappland, weit über dem Polarkreis, unter den Nordlichtern, bei den Rentieren, mit meinem Freund, war das allerschönste.



letzte Änderung
01.03.2012