Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universitätsmedizin Greifswald

Vollkeramik in aller Munde

Gesellschaft für ZMK und Landesverband DGI unter einem Dach

In Greifswald fand am 23. Juni das 23. Fachsym- posium der Mecklenburg-Vorpommerschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an den Universitäten Greifswald und Rostock e. V. und die 14. Jahrestagung des Landesverbandes MV der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) als gemeinsame Veranstaltung statt.

Mit über 130 Teilnehmern, darunter auch Zahntechniker und Studenten des 10. Semesters, war die Veranstaltung gut besucht. In der begleitenden Dentalausstellung präsentierten 17 Firmen ihre Produkte.

Nach einer kurzen Einführung zum Thema durch den organisatorischen und wissenschaftlichen Leiter des Symposiums Prof. Dr. Torsten Mundt gab der Leiter der Vorklinik und stellvertretende Direktor der Abteilung für Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre der Berliner Charité Prof. Dr. Peter Pospiech eine aktuelle Übersicht zu den dentalen Vollkeramiken. Grundsätzlich wird heutzutage zwischen Glas- und Oxidkeramiken unterschieden. Durch die leuzitverstärkten oder Lithiumdisilikat-Glaskeramiken und Zirkondioxidkeramiken werden andere Materialien wie z. B. verblendete glasinfiltrierte Vollkeramikgerüste kaum noch verwendet. Bei reiner Schmelzadhäsion kann die Schichtstärke von Lithiumdisiikatkeramiken auf ein Minimum reduziert werden, jedoch sollten bei freiliegendem Dentin die Mindestschichtstärken (>0,8 mm zirkuläre Wandstärke und >1 mm okklusal) unbedingt eingehalten werden. Der „weiße Stahl“, Yttriumoxid-stabilisiertes Zirkondioxid, war anfangs sehr opaque, wurde aber durch veränderte Oxidzusätze transluzenter, verliert dadurch jedoch einen Teil seiner Biegefestigkeit. Der Referent gab Hinweise zur richtigen Verblendung (Gerüstgestaltung, Langzeitabkühlung etc.), um die Verblendkeramik-Chippings zu reduzieren. Die Schädigung der Antagonisten durch Zirkondioxid scheint bei monolithischen Restaurationen kein Problem zu sein, eine entsprechend glatte Oberfläche und äquillibrierte Okklusion vorausgesetzt. Dr. Kristian Kniah, Assistent in der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der RWTH Universität in Aachen, referierte kurz vor seiner Fachzahnarztprüfung für Oralchirurgie über Zirkondioxidimplantate. Schon in seiner Promotion beschäftigte er sich damit und seine zahlreichen Veröffentlichungen innerhalb der letzten drei Jahre zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung mit diesem Thema. Einteilige Zirkonimplantate scheinen sich klinisch genauso gut oder sogar besser als Titanimplantate zu bewähren, wenn man die Ästhetik, Weichteilanlagerung und verminderte Plaqueakkumulation betrachtet. Hierzu zeigte er eine Vielzahl von eigenen Studienergebnissen, die seine Aussagen untermauern. Mit eindrucksvollen Bildern und Videos wurde die klinische Verarbeitung von der Insertion der Zirkondioxidimplantate, über die provisorische Versorgung bis zur definitiven Zementierung vollkeramischer Kronen demonstriert.

Zweiteilige Zirkon-Implantate, mit denen er schon erste Erfahrungen sammeln durfte, werden das Indikationsspektrum zukünftig mit Sicherheit erweitern.

Über Zirkondioxid in der Implantatprothetik referierte Prof. Dr. Florian Beuer, der Lehrstuhlinhaber der Abteilung für Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre der Berliner Charité bleibt, nachdem er einen Ruf nach Tübingen am Tag seiner Anreise nach Greifswald abgelehnt hat. Für ihn ist Zirkondioxid das ideale Material, wenn es für Hybridabutments mit Titanklebebasen verwendet wird. Von der direkten Verschraubung der Keramik ins Implantatinnere warnte er wegen der Frakturgefahr bei bestimmten Implantatkonfigurationen und der möglichen Verformung bzw. dem Materialabrieb im Bereich der Titan-Implantatschulter durch unvermeidbare Mikrobewegungen im Fügebereich. Für Einzelkronen bevorzugt Prof. Beuer zwar zementierte oder verschraubte Lithiumdisilikatkronen, empfiehlt jedoch für Brücken Zirkondioxidkeramik als Gerüstmaterial. Brücken werden zur Vermeidung von Spannungsrissen und wegen Implantatdivergenzen häufiger zementiert. Zum Abschluss zeigte er „step-by-step“ die Versorgung eines Patienten mit einer monolithischen, vestibulär verblendeten, zirkulären Oberkieferbrücke auf vier Implantaten nach dem „All-on-Four“-Konzept, an die sich eine rege Diskussion mit den Teilnehmern des Symposiums anschloss.

Da sich der Oberarzt in der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik im Klinikum Innenstadt der LMU München Priv.-Doz. Dr. Frederik Güth 2014 über innovative prothetische Behandlungskonzepte mit neuen Restaurationsmaterialien und der CAD/CAM-Technologie habilitierte, ist er der ideale Referent zum digitalen Workflow. Digitale Konzepte in der zahnärztlichen Prothetik vereinen Minimalinvasivität, Bioverträglichkeit, Erschwinglichkeit und Ästhetik. Im Labor sind sie inzwischen Alltag, auch wenn noch konventionell abgeformt wird. Es hängt vom Behandler ab, wo er in den digitalen Arbeitsablauf einsteigt, d. h. ob er selbst scannt und konstruiert oder die digitale Abformung für das CAD/CAM ins Fremdlabor transferiert. Der Kauf des „richtigen“ Intraoralscanners sollte nach Meinung des Referenten jedoch nicht nur davon bestimmt werden, sondern auch vom persönlichen Eindruck (seine dringende Empfehlung: längere Erprobung vor dem Kauf!), von den Schnittstellen zum Labor, den primären und den Begleitkosten (Gebühren: monatlich oder pro Scan). Entsprechend der Präzision und Reproduzierbarkeit von Intraoralscans im Vergleich zu konventionellen Abformungen sind Einzelzahn- und kleinere Brücken auf Zähnen und Implantaten durchaus empfehlenswert. Jedoch ist die Genauigkeit der digitalen Abformung für zirkuläre Konstruktionen immer noch verbesserungsfähig.

Zahntechnikermeister Martin Liebel ist nach einer langjährigen Berufserfahrung (Abschluss der Lehre 1985) in verschiedenen Dentallabors seit 2016 Account-Manager CAD/CAM bei Amann-Girrbach mit Sitz in Pforzheim. Er zeigte in seinem Vortrag, wie bei richtiger Verarbeitung im Labor der Langzeiterfolg von den- talen Vollkeramiken besser garantiert werden kann. Dabei spannte er einen Bogen über die Verblendkeramik-unterstützende Gestaltung von Zirkongerüsten, die richtige Stärke und Übergänge der Verbinder zu den Kronen, exakte Separationen bis hin zur Temperaturführung während und nach der keramischen Verblendung. Grenzen für Vollkeramikrestaurationen sind große Brückenspannen insbesondere im Unterkiefer (wegen der Verformung der Knochenspange bei Kieferbewegungen und beim Pressen). Weiterhin ging er wie seine Vorredner auf die Indikationen verschiedener Keramiken aus zahntechnischer Sicht ein. Ästhetik, Effizienz und Wünsche des Patienten müssen sich hierbei ganz klar der Haltbarkeit der Rekonstruktionen unterordnen. ZTM Liebel beeindruckte die Zuhörer sehr durch seine klar strukturierte Präsentation und nicht zuletzt seine exzellente Vortragsweise.

Zum Abschluss referierte der Oberarzt der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnheilkunde und medizinische Werkstoffkunde des Universitätsklinikums Greifswald, Prof. Dr. Torsten Mundt, über klinische Fallstricke und Grenzen vollkeramischer Restaurationen. Die Praktiker bewegen sich hierbei zwischen evidenzbasierten Leitlinien und Herstellerempfehlungen bzw. Indikationseinschränkungen, die möglichst eingehalten werden sollten. Der Patient sollte über Therapiealternativen z. B. metallische festsitzende Restaurationen aufgeklärt sein (Dokumentation!). In der aktuellen Leitlinie sind z.B. Zirkondioxidbrücken nur bis zu drei Gliedern im Seitenzahngebiet wissenschaftlich abgesichert (externe Evidenz). Für monolithische Restaurationen aus diesem Werkstoff fehlen immer noch aussagekräftige mittelfristige Studien. Der Einsatz von Lithiumdisilikatkeramik (e.max) ist laut Hersteller bei Vorliegen von Bruxismus kontraindiziert, obwohl es sonst für Kronen und sogar für drei-gliedrige Brücken bis zum 2. Prämolaren freigegeben ist. Die klinische Erfahrung (interne Evidenz) zeigt jedoch, dass dieser Werkstoff auch bei Patienten mit dieser Parafunktion durchaus geeignet erscheint. Weicht man von Leitlinien und Herstellerangaben ab, muss der Patient auch darüber „schonungslos“ auf- geklärt werden mit einer entsprechenden Dokumentation. Abschließend zeigte der Referent anhand eines Patientenfalles, wie monolithisches Zirkondioxid bei extremem Bruxismus sogar helfen kann, wenn die konventionelle Metallkeramik versagt.

Nicht nur die Vorträge und die Diskussionen mit den Referenten sondern auch die Pausengespräche der Teilnehmer untereinander und mit den Ausstellern sorgten für eine spürbare Zufriedenheit bei Referenten, Teilnehmern, Ausstellern und Organisatoren. Die schmackhafte und reichliche Versorgung durch den Caterer trug dazu bei. Dies macht Lust auf das nächste Fachsymposium am 29. Juni 2019 wiederum im Alfried-Krupp-Kolleg in Greifswald. Zum Thema „Endodontie für Ihre Praxis“ hat die wissenschaftliche Leiterin OÄ Dr. Heike Steffen namhafte Referenten und gleichzeitig exzellente Praktiker aus dem gesamten Bundesgebiet eingeladen. Dr. Michael Arnold aus Dresden („Korken“ im Kanal), Prof. Dr. Christian Gernhardt aus Halle (Endodontischer Notfall), Dr. Martin Brüsehaber aus Hamburg (Perforationen), PD Dr. Tina Rödig aus Göttingen (Desinfektion Wurzelkanal) und Dr. Jürgen Wollner aus Nürnberg (Endo-DVT –eine interaktive Präsentation) haben ihr Kommen fest zugesagt. Am Abend des gleichen Tages findet auch endlich wieder der Ball der Zahnmediziner im Theater Café statt – eine günstige Gelegenheit für weitere Gespräche, wobei der Spaß nicht zu kurz kommen sollte. Das Organisationsteam um die Sekretärin der Gesellschaft Uta Gotthardt und dem Autor dieses Beitrages freuen sich auf ein Wiedersehen.

Prof. Torsten Mundt