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Generalist oder Spezialist?

Kontroverse Diskussion auf dem 16. Greifswalder Fachsymposium

„Ein Spezialist ist, wer von immer weniger immer mehr weiß, bis er irgendwann von nichts alles weiß.“ Mit diesen launigen Worten führte der ehemalige Vorsitzende und langjähriges Vorstandsmitglied der Mecklenburg-Vorpommerschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an den Universitäten Greifswald und Rostock e. V., Prof. Dr. Wolfgang Sümnig, in das 16. Fachsymposium am 25. Juni in Greifswald ein. Rund 100 Teilnehmer gingen der Frage „Zukunftsperspektiven der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde - Generalist oder Spezialist – pro und contra“ nach.

Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle plädierte für mehr Spezialisten in der Zahnmedizin: „Es geht nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie und Wann.“ Der Heidelberger unterstrich seine Ansicht, dass die Weiterbildungsordnungen geändert werden müssen. Nur so könnten Qualitätsstandards klar definiert werden. Er beklagte den momentanen Wildwuchs an Fort- und Weiterbildungen. In seinem Heimatland Baden-Württemberg zum Beispiel werde mit 33 Oberbegriffen für Tätigkeitsschwerpunkte und 226 Einzelmaßnahmen geworben. „Soll man die Weiterbildung dem Kräftespiel des freien Marktes unterwerfen?“ Vielmehr müsse ein Gesamtkonzept Vorrang vor isolierten Einzelmaßnahmen haben. Der Zahnmediziner erwartet mit mehr Spezialisierungen Impulse für Forschung und Lehre und eine bessere Versorgung von Problemfällen. „Kein Zahnarzt kann noch die gesamte Zahnmedizin überblicken“, so Staehle. Er warnte davor, dass es an kompetenten Spezialisten in Deutschland fehle. Für Parodontalbehandlungen bräuchte es beispielsweise rund 1.600 Fachzahnärzte, schätzte der Experte. Nach seiner Erfahrung an der Universität seien spezialisierte Kollegen selbstbewusster. Insbesondere den Frauen empfahl er eine Spezialisierung: „So können sie anspruchsvolle Tätigkeiten – auch in Teilzeit – ausführen.“

Der Präsident der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Dietmar Oesterreich, stellte fest, dass es im Berufsstand zu dieser Thematik sehr unterschiedliche Interessenlagen gebe, für die sich jeweils gute Begründungen finden ließen. „Die Zahnärztekammern stehen in der Verpflichtung, das Spannungsverhältnis zwischen fachlicher Weiterentwicklung und der kollektiven Identifikation des Berufsstandes auszuhalten und zu lösen“, so der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen wie Budgets, Selektivverträge und drohende Öffnungsklausel in der GOZ, aber auch fehlende äußere Anreize, die zukünftigen Herausforderungen an die zahnmedizinische Versorgung zu meistern, haben erheblichen Einfluss auf die Ausrichtung des Berufsstandes. Er lobte die hohe Bereitschaft der Kollegen, an Qualifizierungsmaßnahmen teilzunehmen. Jeder Zahnarzt in Mecklenburg-Vorpommern bildete sich laut einer im Jahr 2003 durchgeführten Umfrage durchschnittlich an 6,9 Veranstaltungstagen jährlich fort. Auch bundesweite Studien würden die hohe Fortbildungsbereitschaft des Berufsstandes belegen. Versorgungspolitischen Herausforderungen wie dem demografischen Wandel und der wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Zahnmedizin begegnen die niedergelassenen Zahnärzte – nach einer Untersuchung des IDZ – in erster Linie mit durch Fortbildung erworbenen Arbeitsschwerpunkten (57,3 Prozent), aber auch mit neuen Praxisformen (21,8 Prozent). Aus Sicht des Patienten sei der niedergelassene Zahnarzt der zentrale Ansprechpartner für alle Fragen der Mundgesundheit. Für den Laien sei eine Einordnung des zahnärztlichen Problems – im Gegensatz zur Medizin – in der Regel kaum möglich. Der Präsident empfahl für die weitere Diskussion, das modulare System der Fort- und Weiterbildung mit Leben zu füllen. Gleichzeitig sollten über Versorgungsforschungsansätze die Erwartungshaltungen der Patienten und des Berufsstandes evaluiert werden. Ziel jeder Veränderung im System der Fort- und Weiterbildung müsse letztendlich die Verbesserung der Versorgung der Patienten sein. Dies müsse ebenso im Fokus der Forschungsansätze stehen. Für alle an der Diskussion Beteiligten gelte es, die Komplexität der Thematik anzuerkennen und die gegenseitigen Argumente zu gewichten. „Jede Änderung muss außerordentlich gut begründet sein und sollte dabei der Stärkung der Einheit des Berufsstandes dienen“, betonte Oesterreich.

Im Rahmen der Diskussion über die beiden Grundsatzreferate aber auch in den nachfolgenden Vorträgen wurden weitere Ansätze deutlich, ob und in welcher Weise die zunehmende Spezialisierung im Berufsstand geregelt werden sollte. Nicht überraschend war, dass aus der Hochschule, der natürlichen Heimat spezialisierter Zahnmedizin, ein starker Ruf nach der Anerkennung von geregelten Spezialisierungen bis hin zur Empfehlung neuer Weiterbildungsgebiete kam. Doch auch die berufspolitischen Bedenken um die Zersplitterung des Berufsstandes und das zahnärztliche Selbstverständnis des Generalisten fanden Gehör. Es war die Stärke des Symposiums, dass ein Thema, das oft emotional diskutiert wird, hier sehr zielorientiert und mit Respekt für die andere Meinung beleuchtet wurde.

Berichte über Organisation, Inhalt und Verlauf von strukturierten Fortbildungen in Mecklenburg-Vorpommern sowie in Berlin und Brandenburg rundeten einen interessanten Samstag ab.

Renate Heusch-Lahl, Dr. Jürgen Liebich


letzte Änderung
01.03.2012